"Ihr"?

Puhh, das wird jetzt wohl ein Beitrag, den ich nicht so schnell dahinschreibe. Gibt so einiges an Nachdenkearbeit, wie ich das für mich eigentlich alles sehe ...
Zuerst mal, "Szene": Dieses Wort "Szene" setze ich selbst immer in Anführungsstriche, weil ich es eigentlich ganz schrecklich finde. Es hat etwas Ausgrenzendes, Intolerantes, Elitäres, das ich ungerne mittrage. "
Wir sind in der Szene und
ihr nicht,
ihr seid die Stinos / Noobs / Bunten / Proleten". Eine Message, die ich nicht habe.
Dennoch kann ich nicht umhin, auch
Teil der Szene zu sein. (Mal mehr, mal weniger, je nachdem was mein Geldbeutel hergibt

)
Das lässt sich aber auch kaum vermeiden. Sobald man regelmäßig die "schwarzen" Parties, Konzerte und Festivals besucht, prägt man diese automatisch mit. Schließlich trägt man seinen eigenen Musikgeschmack mit in diese Läden und beeinflusst ein kleines bisschen das, was die DJs auflegen.
Wenn 20 Punker regelmäßig ins Kir gehen würden, würden die DJs dort sicher auf Dauer auch irgendwann eine Strecke einbauen, die diese bedient.

Insofern bist du, Kaffeebohne, ebenfalls Teil der "Szene", weil du sie durch dein aktives Engagement für eine "schwarze" Party diese entscheidend mitprägst. Nicht nur die Party, sondern eben auch die "Szene" selbst. Lässt sich gar nicht verhindern. Merkst du spätestens dann wenn du woanders bist und möglicherweise mal mit "sag mal, du bist doch immer im fundbureau an der Kasse / Garderobe" angesprochen wirst. Du gibst der "Szene" selbst mit ein Gesicht, ohne dir darauf etwas einzubilden. Ist doch schön, wenn es so jemanden auch gibt.

Tja, warum bin ich noch in der Szene, also warum besuche ich immer noch regelmäßig die zugehörigen Parties und Konzerte ... ?
Weil es immer noch genug Orte gibt, an denen ich mich wohl fühle.
Es gibt "schwarze" Parties auf denen ich mich früher wohl gefühlt hatte wo ich heute nur noch seehr selten hingehe, und das wohl auch hauptsächlich aus Nostalgiegründen oder weil ich einfach mal ein wenig Escapismus betreiben möchte: Da ist allem voran das Kir zu nennen.
Jene "Szene" die sich dort gebildet hat, ist eine innerhalb derer ich mich eher unwohl fühle. Sie hört andere Musik, hat andere Verhaltensregeln (z.B. fällt dort fast ausnahmslos das ehemalige ungeschriebene Gesetz des Entschuldigens, nachdem man jemanden angerempelt hat, weg), wirkt auf meine Augen nicht mehr als eine etwas schwärzere Kopie der Spaßgesellschaft, die auf die Antwort, ob ihnen die Musik gefalle oder Ähnliches nur noch "Ist doch egal, Hauptsache Spaaaaaß!" ins Mikrofon gröhlt.
Ja. Spaß haben will ich auch. Das ist der Sinn einer Party.
Aber
so? Sich dichtsaufen bis man fast rausgetragen wird? Rücksichtslos Ellenbogen auf der Tanzfläche verteilen, damit man für seinen eigenen Spaß genug Platz auf der Tanzfläche hat? Andere anmachen weil sie nicht passend gekleidet sind?
Das ist nicht
meine Art von Spaß. Ganz und gar nicht.
Die Uhr kann ich nicht zurückdrehen. Die "schwarze" Szene hat nun eine weitere Jugendbewegung hinzugewonnen (diese "Szene" wird wohl immer zu einem guten Teil Jugendbewegung bleiben ... ), deren Umgangsformen nicht mehr meine sind. Sie ist in meinen alten Augen gewöhnlicher geworden, unterscheidet sich für mich nicht mehr groß von jenen, die man von "Normalo"-Dissen her so kennt.
Natürlich gibt es den Unterschied noch. Aber er verwischt zunehmend.
Sinnbild dafür ist in meinen Augen dann auch die Tendenz der Musik, immer "glattpolierter" zu werden. Eurodance auf Schwarz kommt in Mode, Spaßmusik die dieses "egal, hauptsache Spaaaaß!!" aktiv fördert. Musik, die für mich nicht mehr als "schwarz" durchgeht, weil sie schon viel zu viel Ähnlichkeit mit DJ Bobo & Co. hat als mit EBM, Wave, Gothic, Industrial.
Glücklicherweise gibt es einen Haufen Parties, die die verschiedenen Strömungen "schwarzer" Musik anders begegnen und die anderen Teile jener Szene bedienen.
Nein, nicht nur rein jene die die "alten Zeiten" feiern.
Eher jene, die Altes und Modernes miteinander verbindet, und den Begriffen "EBM, Wave, Gothic, Industrial" auch echtes Leben einhauchen.
Und dort ist - o Wunder! - der Umgangston miteinander tatsächlich wieder (oder immer noch?) so, wie es Eisbär beschrieb: Höflich und rücksichtsvoll.
Und so entdecke ich immer wieder neue (!) Musik auf der Catastrophes-Party, der Entartet, der Schwarzlicht (ok, da zumindest vorne eher weniger), im Marxx der Returnparty.
Auch auf der Stahlklang, aber da kann ich es nicht so recht beurteilen, weil ich Industrial nicht so gut kenne. Es fällt mir schwer, da neu von alt zu unterscheiden. Neu ist die Musik jedenfalls großteils für mich.
Das ist von den in HH stattfindenden "schwarzen" Parties schätzungsweise ungefähr die Hälfte.
Also bin ich wohl so ein halber Szenegänger, wa?
Zu den Cybergoths, die ja gerne so belächelt werden, möchte ich noch ne Kleinigkeit loswerden.
Vor kurzem sag ich auf Galileo dazu einen Beitrag, der sehr, sehr gut gemacht war. Denn der ging der Sache mal auf den Grund (natürlich nicht tiefschürfend, aber immerhin ...), was es damit so auf sich hat.
Da habe ich viel draus gelernt!
Ich muss zugeben, dass
dies eine Szene ist, der ich künftig mit mehr Toleranz begegnen werde. Denn bei genauerem Hinsehen hat sie auch ihre cultural codes, die sich von jenen der "schwarzen" gar nicht mal so groß unterscheiden. Immerhin geben sich die Menschen sehr viel Mühe, um sich in einen Cyber für eine Party zu verwandeln, sind überwiegend ebenfalls sehr friedlich und grenzen sich gegenüber der restlichen Gesellschaft aufgrund ihrer Optik ebenfalls so ab, wie es die Goths ehemals taten. Sie haben ihre eigenen Kodes die nicht jeder mittragen mag. Aber nun nur zu sagen "ieehh, die sind hässlich angezogen, was soll das" wäre reichlich oberflächlich gedacht.
In jenem Beitrag brachte es eine junge Frau -Cybergoth- auf den Punkt: "Ich weiß, dass die schwarze Szene uns nicht besonders mag und es ihr auch schwer fällt, uns zu verstehen. Aber wir sind nun einmal da, und wir prägen sie auch aktiv mit, weil wir ebenso aktiv an den Parties teilnehmen wie sie. Also müssen sie mit uns leben - ob sie wollen oder nicht."
Da hat sie recht. Sie sind bereits Teil der "schwarzen Szene". Einer der zwar wiederum gänzlich anders ist als jener den wir hier so kennen, aber dennoch ist sie ein Teil von ihr.